Sîla: Ethik, Moral, Sittlichkeit


Im folgenden gebe ich einen kurzen Überblick über das Wesen der Moral im Buddhismus. Das Ziel im Buddhismus liegt im Erkennen der Wahrheit. Dazu ist aber sîla, Ethik, die Voraussetzung. Denn ohne reine Gedanken, Worte und Handlungen ist ein längeres Verweilen darin - eine Konzentration - unmöglich. Und wenn diese Konzentration nicht vorhanden ist, ist die Läuterung nie zu erreichen. Die "passive" natürliche und universelle Ethik (añcasîla) ist eine Grundvoraussetzung für ein ungestörtes Zusammenleben. Hierin stellt sich unser soziales Ego dar. Doch muss auch die individuelle Selbstverantwortung vorhanden sein - das individuelle Ego -, um überhaupt eine geistige Kultivierung, (bhavana) zu ermöglichen.

Passive Ethik besagt das gewollte Sichzurückhalten in üblen Worten und Taten. Aktive Ethik hingegen stellt heilsame Taten auf sprachlicher und handelnder Ebene dar. Statt nur passiv Töten, Stehlen, Lügen, Unkeuschheit und das Einnehmen geistverwirrender Mittel zu vermeiden, helfen wir aktiv, kusalasîla, Leben zu fördern und zu retten; wir sind ehrlich, ruhig und sanft in Worten; sind keusch in unserer Sinnentätigkeit; versuchen, jene zu unterstützen, die es nötig haben; und leben gesund und bewusst auch durch eine richtige Form der Ernährung. Um alles dies zu begründen, ist es sehr wichtig, die korrekte Anschauung, samma-ditthi, von dem zu besitzen, was heilsam ist, d.h. dieses auch tatsächlich als heilsam anzusehen, sowie von dem, was unheilsam ist, d.h. dieses auch tatsächlich als unheilsam anzusehen. Theoretische Kenntnis allein verhilft natürlich noch nicht zur Erfahrung dieser so wichtigen, für die geistige Kultivierung notwendigen Werte; sie stellt aber eine unschätzbare Grundlage dar.

Als erste edle Wahrheit erkennen wir, dass alles voller Konflikte ist wenn man unheilsam handelt. Wir erkennen die zweite edle Wahrheit, indem wir die Ursache des Fehlverhaltens erkennen, d.h. die Unwissenheit mit der wir in diese Welt hinein geboren wurden. Erst durch unsere eigene Einsicht schaffen wir esüber den Konflikten und geistigen Schmerzen zu stehen, womit die dritte edle Wahrheit erreicht wäre. Und da wir an uns selbst gearbeitet haben, befinden wir uns schon auf dem Edlen Achtfachen Pfad (atthangika-magga) der uns schon dem Heil entgegen geführt hat. Natürlich sind wir noch lange nicht vollkommen und wir müssen die Chance unseres menschlichen Daseins nutzen, um sîla, d.h. die gegenwärtig erreichte Reinheit in Gedanken, Worten und Taten weiter zu verwirklichen. In diesem Prozess erlangen wir des weiteren samatha, d.h. die Beibehaltung der Reinheit in der gegenwärtigen Bewusstheit, und später Weisheit, paññâ. Diese wird die angesammelten Unreinheiten auslöschen, womit wir absolut rein werden.

Sîla stellt auch die lchlosigkeit im Reden und Handeln dar. Dazu muss der Geist ebenfalls voller altruistischer Gedankenimpulse sein.

Sicheres Vorgehen

Um uns unsere individuelle Ethik sicher zu erarbeiten, brauchen wir die korrekte Anschauung, samma-ditthi. Dank ihr schaffen wir heilsame Gedanken, die sich in heilsamen Worten, Taten und Lebenserwerb auswirken werden. Passive Ethik bedeutet, dass wir erfüllt sind von hiri und ottappa, Schamgefühl und Scheu, hinsichtlich der Wirkungen von unheilsamen Handlungen. Aktive Ethik hingegen bedeutet, dass wir erfüllt sind von heilsamen Gedanken voll allumfassender Güte, voll Mitgefühl und Mitfreude, metta, karuna, mudita. Dann werden unsere Kommunikation und unser Handeln hilfreich für unsere Mitmenschen. Dann können wir durch Freizügigkeit und mit der Unterstützung von sanften und heilsamen Worten mithelfen, kranke und gefangene Lebewesen zu heilen und zu befreien. Nur wenn man in seinen Kontakten zu Mitmenschen voller Wohlwollen ist, kann man hilfreich handeln. Aktive Ethik bedeutet, in hilfreicher, reiner, nicht verletzender Weise mit anderen Menschen in Verbindung zu treten.

Doch sîla ist nicht das Ziel, sondern Mittel zum Zweck; der Zweck ist die Läuterung. Denn durch schlechte, unheilsame Handlungen wird der Geist unruhig und negativ gestimmt und kann nur schwer - sehr schwer - zu heilsamen, ruhigen Gedanken kommen. Ohne diese ist es aber unmöglich, das Ziel der Läuterung zu erreichen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Nur durch die Basis eines ethischen Verhaltens ist auch die Sammlung des Geistes möglich. Und nur durch diese wird es möglich, alle Unreinheiten auszulöschen. Das ist gut für einen selbst und für die anderen; es ist gut am Anfang, in der Mitte und am Ende dieser systematischen Methode der Selbstläuterung.

 

Beeile dich, Gutes zu tun,
Und halte deinen Geist vom Bösen fern.
Wenn du zögerst,
Wird sich dein Geist am Bösen erfreuen.

Wenn du etwas Böses getan hast,
So tue es nicht wieder und wieder.
Lass den Wunsch danach los,
Denn all dies Böse bringt dir Leid.

Wenn du etwas Gutes getan hast,
So tue es wieder und wieder.
Erwecke den Wunsch danach,
Denn all dies Gute bringt dir Glück.

(Aus dem Dhammapada, 116-118)



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